Der westlichste Briefkasten Europas liegt mitten im Atlantik
von Ch. Biedekarken nach einem Bericht der Schiffsleitung des  MS Westfalia

Postbojen sind wider Erwarten kein Seemannsgarn

Im Zeitalter der totalen Kommunikation klingt es eher unglaubwürdig, wenn ich von der Möglichkeit berichte, Post im Atlantik dem Meer zu übergeben, die dann wenige Tage später bei ihrem Adressaten landet. Jahrtausende haben die Menschen sich auf das Meer hinaus gewagt ohne jede Art der Verständigung von der offenen See zum Land. Die legendäre Flaschenpost, die ja auch erst nach der Erfindung der Flasche als Transportmittel zum Einsatz kam, führte meistens nicht zu dem erhofften Erfolg, da Strömung sowie Wind und Wetter die Reiseroute bestimmten. Erst mit dem Einsatz der Funktelegrafie auf Schiffen bestand die Möglichkeit,  von fast jedem Fleck der Erde mittels verschiedener Landfunkstellen mit der Heimat in Verbindung zu treten. Aber auch dies ist alles längst Geschichte, da man inzwischen via Satellit nun wirklich von jedem Punkt der Erde auf jede denkbare Weise kommunizieren kann. 

Trotz allem gibt es sie wohl immer noch, die Postbojenfischer vor den Azoren. Wer weiß schon genau wo die Azoren liegen, selbst in den Atlanten werden sie nur als "Anhang" behandelt. Die zu Portugal gehörenden Azoren liegen zwischen 37 und 39 Grad nördlicher Breite sowie 25 und 30 Grad westlicher Länge mitten im Atlantik. Die Inselgruppe besteht wiederum aus drei Gruppen, der West- Mittel- und Ostgruppe, deren Abstände zueinander etwa 120 und 60 sm betragen. Die Westgruppe bilden die Inseln Corvo und Flores, die Mittelgruppe die Inseln Fayal, SaoJorge, Gracioa und Terceira. Die Ostgruppe umfasst schließlich Sao Miguel und Santa Maria. Die bergigen Inseln sind sehr weit sichtbar, deren höchste Erhebung der 2320 m hohe O-Pico auf der Ilha do Pico ist. Sao Miguel, die nördlichste Insel der Ostgruppe, ist ca. 35 sm lang und höchstens 8,5 sm breit. Sie ist die bedeutendste aller Azoreninseln und an ihren Bergen, Hügeln und Tälern erkennt man den vulkanischen Ursprung. Von Osten kommend steuert man das Leuchtfeuer Puanta do Arnel auf der Ostspitze Soa Miguels an. Nach Passieren der kleinen Insel Foja do Calhau an der Südküste Sao Miguels im Morgenlicht, wird das  Schiff auf Westkurs gedreht. Unweit der Felsen zeigt das Echolot noch immer fast 500 m Wassertiefe. Die Azoren haben kaum Schelfränder und von den Felsufern fällt das Meer schnell bis in ca. 2000 m Tiefe ab. 

Dies ist der Moment, der seit zwei Tagen zu allgemeiner Betriebsamkeit während der Freiwache geführt hat, da nach Verlassen des Englischen Kanals der Kapitän die Besatzung über einen beabsichtigten Postbojenabwurf  und den damit verbundenen Einzelheiten unterhalb der Insel Sao Miguel informiert hat. Von der Crew werden nun mehr oder weniger künstlerische "Postbojenluftpostkuverts" gestaltet. Möglichst bunt und mit Bordstempeln versehen. In der Zwischenzeit baut der Schiffszimmermann ein bojenartiges Holzgestell mit einer Plattform in der Mitte, die zur Aufnahme des wasserfest zu verschließenden 10 l Gurken-Metalleimers dient. In diesen Eimer kommen die Briefe, das nicht zu knapp bemessene Porto plus Finderlohn, ein bis zwei Flaschen guter Schnaps sowie mindestens eine Stange Zigaretten. Nachdem der Zimmermann alles seefest gezurrt hat, wird an einer ca . 1 m langen Stange eine kleine Flagge gesetzt. Weiße Farbe und freie künstlerische Gestaltung sorgen für zusätzliche Aufmerksamkeit. Ein Eisengewicht zur Stabilisierung an dem Bojengestell befestigt, dient dazu, den Schwimmkörper auch bei Seegang und Winddruck senkrecht durchs Wasser treiben zu lassen. Dann kommt der spannende Moment. Bootsmann und Zimmermann gehen nach achtern, während das Schiff in 2,5 sm Abstand die Orte Ribeira Quente, Ponta da Garca, Vila Franco do Campo an Steuerbord passiert. Angelleinenfischer treiben in kleinen Booten vorbei. Es wird die deutsche Flagge, die Flagge Portugals und die Reedereiflagge gesetzt. Querab des Kaps Punta da Agua de Pau wird der Kurs auf 290 Grad geändert. In 5 sm Entfernung voraus sieht man den Hafen Ponta del Gada der Hauptstadt der Insel Sao Miguel liegen. Nun kommt es darauf an, die Postboje möglichst dicht unter Land in Hafennähe auszusetzen. Mit 0,5 sm Abstand passiert das Schiff mit reduzierter Fahrt die Hafenmole. Auf Kommando "fiert die Boje" setzen Bootsmann und Zimmermann die Postboje aus. Sofort wird sie vom Sog des Schraubenwassers eingefangen. Aus der Stb. Brückennock kommt das Kommando "Ruder Backbord 20, Kurs 234 Grad, volle Fahrt voraus." Zusehends wird die Boje achteraus immer kleiner. Durch das Fernglas kann man noch erkennen, wie ein Motorboot sich aus dem Hafen entfernt und Kurs auf die Boje nimmt. Wenn an dem Tag noch ein Flugzeug nach Lissabon geflogen ist, hat die Post zwei Tage später den Empfänger erreicht. "Postbojenluftpostbriefe" mitten aus dem atlantischen Ozean, kein Seemannsgarn. 

 

Postboje steht an Deck

Die Postboje steht - fertig zum fieren - an Deck. Inhalt der Boje - ausser der Post: je 1 Fl. J. Walker, Red Label, 1 Stange Marlboro, 1 Schwarzbrot und 1 US-$ pro Brief. 

 

Boje wird ausgesetzt

Auf Kommando "fiert die Boje" setzen Bootsmann und Zimmermann die Postboje aus. 

 

Boje im Schraubenwasser

Sofort wird sie vom Sog des Schraubenwassers eingefangen.

 

Boje wird von Boot gesucht

Aus der Stb. Brückennock kommt das Kommando "Ruder Backbord 20, Kurs 234 Grad, volle Fahrt voraus." Zusehends wird die Boje achteraus immer kleiner. Durch das Fernglas kann man noch erkennen, wie ein Motorboot sich aus dem Hafen entfernt und Kurs auf die Boje nimmt. 

Die Fotos wurden am 28.10.1992 von Bord MS "HUMBOLDT EXPRESS" durch Frau Marianne Busch aufgenommen, die sie mir freundlicherweise für diese Seite zur Verfügung gestellt hat.

Brief via Azoren-Postboje

Dieser so künstlerisch gestaltete Umschlag befand sich in der o.a. Postboje und traf wenige Tage später wohlbehalten bei seinem Adressaten ein.

 

Brief via Kapstadt Postboje

Bei Kapstadt gab es ebenfalls den Versand über die Postboje, was durch diesen Umschlag bewiesen ist. Beide Umschläge wurden mir freundlicherweise von Herrn Heinrich Busch zur Veröffentlichung überlassen.

 

Postbojenluftpostbrief von den Azoren

Der Autor ist selber Empfänger eines solchen sehr liebevoll gestalteten Briefes gewesen, der von Herrn Friedrich-Wilhelm Kunze gestaltet wurde, und hier abgebildet ist.

 

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