MS HEIDELBERG auf der Elbe
                                                                                                                 Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg

MS "Heidelberg"   Hapag, Hamburg

Feuer im Schiff
Aus: "Hapag-Lloyd aktuell" Ausgabe 34, November 1976,  Seite 4/5

Vermutlich durch einen Kabelbrand verursacht, brach am 23. August 1976 auf MS HEIDELBERG ein Feuer in den Mittschiffsaufbauten aus. Nur durch den entschlossenen Einsatz der gesamten Besatzung konnte nach stundenlangem Ringen das Feuer gelöscht werden. Die Schilderung der außergewöhnlichen Leistung der Besatzung wird hier anhand des nur unwesentlich gekürzten Berichtes von Kapitän Dietrich Zapf, wiedergegeben.

MS Heidelberg befand sich auf Ausreise nach Nordbrasilien als gegen 15 h, auf Position 10 Grad 15 Min. Nord und 43 Grad 25 Min. West der II Ing. Brandgeruch im Maschinenraum bemerkte und nach einigem Suchen ein Feuer mit starker Rauchentwicklung im Maschinenstore 1. Deck Backbord-Seite entdeckte. Um 15.05 h wurden die Brücke und der Kapitän informiert und sofort General-Alarm ausgelöst.

Gleichzeitig versuchten der 2. Ing. Nordmann und der Technische Offiziersanwärter Bauer, mit einem Trockenlöscher das Feuer zu bekämpfen. Ohne wesentlichen Erfolg mußten sie sich mit dem zwischenzeitlich am Brandherd eingetroffenem 1. Offz. Voskamp wegen Rauch- und Hitzeentwicklung an Deck zurückziehen, wo bereits der Feuerstoßtrupp eingetroffen war. Unmittelbar danach drang der Matrose Sokolow unter Preßluftatmer mit einem Strahlrohr und dem 1. Offz. Voskamp, als zweitem Mann, in den stark verqualmten Gang vor. Um 15.10 h war der komplette Verschlußzustand des Schiffes hergestellt, die Besatzung, mit Ausnahme des Stoßtrupps, sammelte sich auf dem Bootsdeck. Eine Zählung ergab, daß sich keine Personen mehr in den Aufbauten befanden. Die Gesamtleitung der Brandbekämpfung lag beim Kapitän auf der Brücke, der 1. Offz. leitete die Aktion vor Ort und stand über Walkie Talkie in ständiger Verbindung mit der Brücke. Es wurde ein zweiter Stoßtrupp mit dem 2. Offz. Kosters als Geräteträger gebildet, der ebenfalls mit einem Strahlrohr in den Betriebsgang eindrang und das Feuer bekämpfte. Gleichzeitig wurden von der Restbesatzung Schläuche Vorkante und Achterkante der Aufbauten angeschlossen und der Bereich über dem Brandherd gekühlt. Die Stoßtrupps mußten sich bereits nach ca. fünf Minuten Einsatz aus dem Betriebsgang zurückziehen, da die Hitze zu stark war, die Deckenplatten sich lösten und den Leuten auf die Köpfe fielen. Während des Rückzuges wurden zwei Toilettenbecken zertrümmert, um Abfluß für das im Deck stehende Löschwasser zu schaffen. Der Fußboden der Mannschaftsmesse und des davor befindlichen Ganges wurden durch Hitze und Feuer nach oben gedrückt. Um 15.30 h hatte der Brand sich rasend schnell über den gesamten Wohnbereich 1. Deck, Bb-Seite ausgedehnt. Da wegen der zu großen Hitze eine erfolgreiche Brandbekämpfung vom Betriebsgang des 1. Decks aus nicht durchgeführt werden konnte, wurden an Bb-Seite außenbords Stellagen übergehängt, die achteren drei Bullaugen (Wäscher/ Matrosenkammer) eingeschlagen und von dort mit drei Strahlrohren Wasser in das Feuer gespritzt. Dadurch entstand zunächst eine derartig starke Rauch- und Wasserdampfbildung, daß die Leute auf den Stellagen durch den aus den Bullaugen gepreßten Dampf fast von den Stellagen gedrückt wurden.

Immer weitere Ausbreitung
Gegen 16.00 h hatte sich der Brand durch Deckenverschalung und Kabelschächte auf das Poopdeck ausgeweitet. Der gesamte Aufbau war total verqualmt. Von Luke 5 Poopdeck wurde zusätzlich das Vorkante-Schott mit Wasser gekühlt, um ein Übergreifen auf den Laderaum 5 zu verhindern. Bedingt durch das ununterbrochen in das Schiff gepumpte Löschwasser, bekam ,,Heidelberg" leichte Bb-Schlagseite. Daraufhin wurde mit Preßluftatmer in den ebenfalls stark verqualmten Maschinenraum vorgedrungen und die restlichen Ballastwassertanks im Doppelboden aus Stabilitätsgründen geflutet. Die Schlagseite nahm später bis auf 10 Grad zu. Da trotz ununterbrochener Brandbekämpfung Rauch und Hitze weiter zunahmen, wurden um 17.00 h Vorbereitungen im großen Umfang für ein eventuell notwendig werdendes Verlassen des Schiffes eingeleitet.

Die Boote wurden ausgeschwungen und mit zusätzlicher Ausrüstung wie Sextanten, nautischen Tafeln, Seekarten, Chronometer etc. beladen. Der Aufenthalt in der Brücke war nicht mehr möglich. Mit einem Wasserschlauch als Atemluftzuführung im Mund, gelang es dem Funkoffizier Hilbig, den Notsender in der gleichfalls vollständig verqualmten Funkstation in Betrieb zu nehmen und die Taste durch das Fenster in die Brückennock zu heben.

Zwischenzeitlich hatte sich das Feuer in Deckenverschalungen und Kabelschächten auch auf Promenaden- und Bootsdeck ausgeweitet. Es befanden sich auf allen Decks diverse Strahlrohre im Einsatz. Die gesamte Besatzung setzte sich trotz des offensichtlich fehlenden Erfolges ohne Ausnahme mit ganzer Kraft ein und kämpfte im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Umfallen.

Gegen 18.00 h ergab eine Begehung des Maschinenraumes, daß trotz des enormen Wassereinsatzes im Bereich des ursprünglichen Brandherdes das Maschinenraumschott immer heißer wurde. Die CO-2 Flutanlage für den Maschinenraum wurde einsatzbereit gemacht. Der 1. Offz. Voskamp und der 2. Offz. Kösters drangen vom Maschinenraum aus zum Brandherd vor, während gleichzeitig ununterbrochen weiter Wasser durch die eingeschlagenen Bullaugen gespritzt wurde und ein weiteres Strahlrohr von der Treppe zum Poopdeck die brennende Deckenverschalung ablöschte. Durch diesen geballten Einsatz von verschiedenen Seiten gelang es schließlich, das Feuer im Bereich des ursprünglichen Brandherdes gegen 18.30 h vollständig zu Iöschen.

Unter Kontrolle
Um 23.00 h war das Feuer schließlich unter Kontrolle und um 2.00 h am 24. 8. 76 vollständig gelöscht. Es wurde sofort damit begonnen, das in den Decks befindliche Löschwasser (überwiegend 1. Deck) mit einem Wasserjäger abzupumpen. Bei Tageslicht wurde bei einer ersten Bestandsaufnahme festgestellt:

gesamter Wohnbereich vollständig verqualmt und unbewohnbar,
erhebliche Schäden an lebenswichtigen Verkabelungen,
erhebliche Schäden an den persönlichen Effekten der Besatzung.

Die Besatzung wurde notdürftig im Backdeck Luke 1 untergebracht. Verpflegt wurde über einen Holzkohlengrill auf dem Achterschiff.

Die Rauchgeschädigten erholten sich schnell und die Stimmung war bereits nach kurzer Zeit wieder gut und bewundernswert. Es gelang, mit Bordmitteln eine Rudermaschine in Betrieb zu nehmen und zunächst mit Notruder vom Rudermaschinenraum, später über ein fliegendes Kabel mit Zeitsteuerung, von der Brücke zu steuern. Nach Rücksprache mit der Reederei wurde beschlossen, Belem/Nordbrasilien als Nothafen anzulaufen, und am 24.8.76 um 11.30 h wurde wieder Fahrt aufgenommen.

Folgende Brückengeräte konnten nicht betriebsklar gemacht werden:
Radar, Echolote, Ruderlagenanzeiger, Umdrehungsanzeiger, Maschinentelegraf, Rauchmeldeanlage, Positionslampen.

Zur Kommandoübertragung Brücke/Maschine wurde eine fliegende Telefonleitung gelegt. Gesteuert wurde zunächst mit Notruder nach einem im Rudermaschinenraum angebrachten Magnetkompass, später auf der Brücke mit Zeitsteuerung, wobei ständig ein Mann bei der Rudermaschine zum Ablesen der jeweiligen Ruderlage sowie an Deck ein weiterer Mann mit Walkie Talkie zwecks Übermittlung postiert waren, da von der Brücke keine Möglichkeit zur Kontrolle des Ruders bestand.

Am 26. 8. 76 um 14.38 h wurde auf Belem Reede geankert.

Planmäßig weiter
Die Besatzung war zunachst in der Wäscherei untergebracht worden. Nach und nach ging man dann daran, einige Kammern zu säubern, notdürftig wieder herzurichten und zu belegen. Stets wurden mehrere Personen einquartiert, bis zu drei oder vier Mann. Auch diese Einschränkung des gewohnten Komforts wurde in Kauf genommen und während der ganzen Reise ertragen. Hier bestätigte sich der hervorragende Zusammenhalt der Besatzung einmal mehr.

Nach Beendigung der Notreparatur in Belem setzte die ,,Heidelberg" ihre Reise wie geplant fort, Manaus, Obidos, Belem, Cabedelo, Fortaleza und Itaqui wurden wie gewohnt bedient. Die Heimreise konnte ohne Schwierigkeiten beendet werden. Am 5. Oktober traf das Schiff in Hamburg ein, um nach dem Löschen an die Werft zu gehen.

Gleich nach der Ankunft in Hamburg waren der Vorsitzende des Seeamtes und der Bundesbeauftragte an Bord erschienen, um sich an Ort und Stelle über das Ausmaß und die Art der Schäden zu überzeugen. Die Eindrücke, die sie dabei gewannen, haben sicher in der späteren Seeamtsverhandlung ihren Niederschlag gefunden. In dem Spruch des Seeamtes wird die Leistung der Besatzung, ein Feuer derartigen Ausmaßes unter den obwaltenden Umständen im Mittschiffsbereich zu löschen, lobend hervorgehoben. Auch die Reederei würdigte die Leistung aller Dienstgrade und gab für die Besatzung einen Empfang, auf dem Vorstandssprecher Hans Jakob Kruse allen ein Erinnerungsgeschenk überreichte.

Ch. Biedekarken

MS HEIDELBERG am Schuppen
                                                                                                            Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg

MS "Heidelberg"   Hapag-Lloyd, Hamburg

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