Telegramm

Dieser Artikel ist in einer leicht abweichenden Fassung in der Zeitschrift "Niedersachsen", Heft 3/1999, S. 26-27" erschienen.

Die Veröffentlichung hier geschieht mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.

Foto: Martin Stöber

 

Die "letzte" Fahrt der Harlekin I ? 

Wahrscheinlich legt die EU die "Butterschiffe" an die Kette

Mit einem Nachtrag zum Stand der Dinge Mitte 2002

Von Martin Stöber

Noch heute sind Seetörns, bei denen an Bord zollfreie und, nach Wegfall der Zölle in der EU, vor allem von der Mehrwert- und anderen Verbrauchsteuern befreite Waren verkauft werden, als "Butterfahrten" ein Begriff - obwohl längst keine Butter mehr angeboten wird. Am 30. Juni 1999 droht dem gesamten Tax- / Duty-Free - Handel, so die international übliche Bezeichnung, auf Schiffen und im Flugverkehr innerhalb der EU das Aus. Die Folgen dürften gerade für die strukturschwachen Küstenregionen schmerzlich sein.

Um 09.05 Uhr hat das MS "Harlekin I" den Emder Außenhafen mit Kurs Außenems verlassen. Der graue Himmel über der See kann der Stimmung der über 200 Passagiere nichts anhaben. Ein Imbiß wird genommen, sich zugeprostet, Skatrunden haben sich gefunden und der Schiffsmusiker bittet erfolgreich zum Tanz. Fast alle an Bord sind Stammkunden, erprobte "Butterfahrer" mit zumeist beträchtlicher Lebenserfahrung. Man kennt sich seit langem, und nicht wenige fühlen sich einer "Butterschiff-Familie" zugehörig.

Im obersten Salon haben es sich sieben rüstige Familienmitglieder, sechs Damen und ein Herr, bequem gemacht. Sie sind per Bus angereist, der sie an mehreren Haltestellen zwischen Wiesmoor und Aurich aufgelesen hat, und haben für die gesamte Tour nur je vier Mark gezahlt. Kennengelernt hat sich die Gruppe erst durch diese Einkaufsfahrten, die man jeden Mittwoch außer in der zweieinhalbmonatigen Winterpause des Schiffsbetriebs unternimmt. Öfter gehe das nicht, denn leider, so die einhellige Meinung, verkehre der Bus nur einmal wöchentlich auf dieser Route. 

Eine schwimmende Altentagesstätte mit Kultstatus

Insbesondere Senioren, die finanziell keine großen Sprünge machen können, haben die erschwinglichen Tagestouren als willkommene Abwechslung entdeckt. Die Butterfahrt bietet die Chance, Langeweile zu vertreiben, vielleicht sogar Einsamkeit und Isolation zu überwinden. So macht inzwischen das Wort von der "schwimmenden Altentagesstätte" die Runde, eine Bezeichnung, in der wohl ebensoviel milder Spott der Jüngeren wie Anerkennung einer soziale Funktion mitschwingt. Der preisgünstige Einkauf einer begrenzten "Ration" von Tabakwaren, Spirituosen, Parfum und anderen Artikeln, das versichert auch ein Herr aus Bochum, spiele allenfalls die zweite Hauptrolle. Er liebe die Seefahrt und fahre daher zweimal in der Woche mit. Doch allein der Duty-Free-Verkauf - und das ist die Crux - ermöglicht die Niedrigstpreise, die für die Fahrt und auch für das deftige Essen an Bord zu zahlen sind. Die Reedereien locken mit diesem Angebot und verdienen am Warenverkauf.

Ursprünglich war das Publikum gemischter; in den frühen siebziger Jahren erlangten die Seereisen sogar Kultstatus für Alt und Jung. Noch im tiefsten Binnenland waren zum Bedauern des Einzelhandels ständig einschlägige Annoncen von Busunternehmern und Reedereien den Tageszeitungen zu entnehmen. Selbst Gruppen abenteuerlustiger Schüler machten sich gutgelaunt in Richtung Küste auf. Zu den mehrstündigen Fahrten gesellten sich vorübergehend auch kurze Törns mit dem Angebot einer "kleinen Ration". Sie durfte verkauft werden, ohne daß dafür das deutsche Hoheits- und Zollgebiet verlassen zu werden mußte. Die Einstellung der Kurzfahrten in den achtziger Jahren zog keine tiefgreifenden Folgen nach sich. Doch 1999 ist die Lage ernster.

"Geweint haben wir vor Wut, " sagt eine der sechs alten Damen "das dürfen sie ruhig schreiben!" Schließlich sei dieser Ausflug die einzige Chance, Wiesmoor und umzu für einen Tapetenwechsel zu verlassen. Jetzt nehme Brüssel den "kleinen Leuten" ein Lieblingshobby. In der Tat wird der Duty-Free-Handel, sofern nicht noch ein kleines Wunder geschieht, am 30. 06. 1999 eingestellt. Schuld ist jedoch nicht allein die EU-Kommission. Sie hat nur die Einhaltung einer diesbezüglichen Richtlinie des EU-Rates, also des Gremiums, in dem die Regierungen der Mitgliedstaaten vertreten sind, zu überwachen. Diese Ratsrichtlinie aus dem Dezember 1991, so der Präsident des Wirtschaftsverbandes der deutschen Seetouristik-Unternehmen, Godske Hansen, gehe nicht zuletzt auf eine Initiative der Bundesregierung zurück. Ein mehrjähriger Aufschub - mehr ist nicht zu erwarten -, der der Zustimmung aller Mitgliedstaaten und der Kommission bedarf, war in den zurückliegenden Monaten nicht zu erlangen. Ende Mai könnte auf Kommissionsinitiative darüber nochmals debattiert werden. Doch auch kleine Wunder sind selten, zumal unzumutbare Belastungen für Unternehmen entstünden, die sich bereits auf die neue Lage eingestellt haben. 

Kurs Arbeitsamt

Die Schiffs-Besatzung, eine bunt gemischte, bei den Passagieren beliebte "Multi-Kulti-Crew", hat ihre Entlassungsschreiben längst erhalten. Kein Mitglied weiß, wie es ab Juli weitergehen soll. Sicher ist nur, daß kaum jemand die Chance hat, in seinem bisherigen Tätigkeitsbereich wieder Arbeit zu finden. Der Schiffseigner, die Carolinensieler Reederei Warrings, muß insgesamt etwa 20 Personen kündigen und den Standort Emden aufgeben; das Schicksal des MS "Harlekin I" ist noch ungeklärt. Beim Marktführer an der besonders betroffenen Ostseeküste, der Flensburger "Förde Reederei Seetouristik", sind mit dem Geschäftsbereich Einkaufsfahrten sogar etwa 420 der insgesamt rund 1000 Arbeitsplätze bedroht, 386 Kündigungen mußte man bereits aussprechen. Fünf Verkaufsbüro-Standorte der Firma werden geschlossen, sechs Fahrgastschiffe aufgelegt oder verkauft.

Die Folgen beschränken sich aber nicht auf enttäuschte Stammkunden, entlassene Mitarbeiter und Umsatzeinbrüche bei den Reedereien. Da sind die Busunternehmen und darunter namentlich jene, die im Zubringerdienst für die Butterschiffe mehr als ein Zusatzgeschäft sehen, da sind Lieferanten und Schiffsausrüster oder die Werften, die an Wartungs- und Reparaturaufträgen verdienen. Und schließlich profitieren auch öffentlichen Kassen von diesem Wirtschaftszweig, in dem nun bundesweit in Schiffahrt und Flugverkehr nach Schätzungen 10.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen.

Die in der europäischen Fährschiffahrt engagierten Reedereien haben reagiert. Fahrpreise werden erhöht; einige Linien setzen verstärkt auf Gütertransporte sowie Hochgeschwindigkeits-Fähren, andere wollen durch das Anlaufen von außerhalb der EU gelegenen Häfen den Duty-Free-Verkauf erhalten oder hoffen, statt Zigaretten nun exklusive Artikel in noblem Ambiente zu verkaufen. Die vornehmlich in der Butterschiffahrt tätigen Firmen haben es da schwerer. Könnte es ein gangbarer Weg sein, zusätzliche attraktive Angebote auf dem Markt der Ausflugsfahrten zu schaffen, vielleicht im Rahmen des Kultur- und Naturtourismus, vielleicht, indem man ältere Schiffe stilgerecht restauriert für "Nostalgie-Törns" einsetzt? 

Der hohe Preis der Gleichbehandlung

Immerhin bleibt der besondere Status von Helgoland erhalten. Doch der großen Familie der Butterfahrer ist damit nicht geholfen. Zwar kann auf dem roten Felsen selbst weiterhin verbilligt eingekauft werden, aber an Bord war und ist das verboten. Daher müssen die Reedereien im Helgolandverkehr kostendeckende, viel höhere als die gleichsam sozialverträglichen Fahrpreise in der Butterschiffahrt verlangen. So wird ein Großteil der alten Stammkundschaft ab Juli wohl zu Hause bleiben und selbst die klügsten Ideen aus den Kontoren der Schiffahrtsgesellschaften dürften die Mehrzahl der von Entlassung bedrohten Mitarbeiter nicht vor Arbeitslosigkeit bewahren.

Nach einer Stippvisite im niederländischen Eemshaven - das ist eine zweite Voraussetzung für den Duty-Free-Verkauf an Bord - und einem Abstecher in Richtung hohe See, kehrt das MS "Harlekin I" zurück nach Emden. Um 13.20 Uhr legt die 66 Meter lange schwimmende Altentagesstätte wieder an. Am Kai stehen bereits Busse mit den Gästen für die Nachmittagsfahrt - noch.

Falls Ende Mai nicht das kleine Wunder den ersehnten Aufschub bringt, dann geht ein Wirtschaftszweig verloren, der längst Teil der Alltagskultur geworden ist und zahlreichen Menschen etwas mehr Lebensqualität garantierte. In vielen Häfen wird es trister werden, wenn die Butterschiffe - manche darunter fast schon technische Denkmale - verschrottet sind. An der Küste muß ein hoher Preis gezahlt werden, weil die EU-Staaten auf dem Weg zum harmonisierten Binnenmarkt allen Sonderbehandlungen den Kampf angesagt haben.

Begegnung zweier "Butterschiffe" in der Außenems - MS "Dolfijn II" auf Gegenkurs

Mitte 2002: Der Stand der Dinge - ein kurzer Nachtrag

Es wurde Wirklichkeit: Vom 1. Juli 1999 an blieben fast alle "Butterdampfer" am Kai. Eine Ausnahme bildeten zeitweilig längere Törns. Soweit mich meine Erinnerung nicht trügt, musste das Schiff dabei jedoch über acht Stunden auf See sein, damit die Reederei im Bord-Supermarkt verbilligte Waren anbieten durfte. Denkt man an die meist ältere, oft über weite Strecken mit Bussen anreisende Haupt-Klientel der preiswerten "Mini-Kreuzfahrten", dann ist diese Variante schnell als wenig attraktiv zu entlarven. Sie ist auch längst Geschichte.

Doch Butterfahrten "in klassischer Form" finden sogar noch heute statt. Die EU-interne Steuerharmonisierung und der Wegfall der Binnenzölle in der Gemeinschaft betrifft ja keineswegs die Beziehung zu Nicht-EU-Staaten. Daher bieten sich, ermöglicht durch einen Abstecher über See nach Polen, in Ost-Vorpommern noch gute Chancen zur Teilnahme an einer guten alten Einkaufsfahrt. Doch für uns in Niedersachsen ist die Anreise ein wenig lang; und in absehbarer Zeit dürfte Polen zudem Mitglied der EU werden.

Dafür liegt uns Helgoland näher. Zwar sind die reinen Reisekosten zur einzigen deutschen Hochseeinsel - selbstverständlich - noch immer relativ hoch, dafür ist der rote Felsen seit einigen Jahren sommers auch mit Hochgeschwindigkeits-Katamaranen oder einem schnellen "Monohull" (aus Bremen / Bremerhaven) in kürzerer Zeit und ohne Ausbooten zu erreichen. Wem das gefällt … Übrigens: Auf Helgoland wird einiges getan, um nicht nur als "Fuselfelsen", sondern auch als Urlaubsort für Wellness-, Natur- und Kulturtouristen Anerkennung zu finden.

Im europäischen Fährgeschäft gab es in letzter Zeit erhebliche strukturelle Veränderungen, die zweifellos auch mit dem Ende des Duty-Free-Geschäfts, insbesondere den daraus resultierenden Einnahmeverlusten sowie dem zahlenmäßigen Rückgang von Kurzreisen und "Fußpassagier"-Beförderungen, zusammenhingen und -hängen. In der Tat setzten wohl praktisch alle Reedereien seit Ende der neunziger Jahre intensiver auf Gütertransporte und stellten entsprechende Schiffe mit hinreichend Stellfläche für LKW in Dienst. Die Supermärkte an Bord vieler Fähren bieten inzwischen verstärkt Boutique-Waren an; manch´ kostspieliger Service, wie etwa ein anspruchsvolles Unterhaltungsprogramm, wurde allerdings trotz der Duty-Free-Einnahmeausfälle nicht überall gestrichen. Davon konnte ich mich selbst bei einer Reise mit dem derzeit größten Fährschiff der Welt, der im Frühjahr 2001 in Dienst gestellten Pride of Rotterdam, überzeugen. Andernorts sieht es im wahren Sinne des Wortes trister aus; an das Promenadendeck auf den großen Bornholm-Fähren (des Jahres 2000) möchte ich lieber nicht erinnert werden.

Eine andere Trumpfkarte stellte die Einführung von Hochgeschwindigkeitsverbindungen dar. Seit kurzem sticht diese aber nicht mehr wie geplant, denn die "spritfressenden Aluminiummonster" leiden unter den jüngst gestiegenen Treibstoffpreisen und entsprechend hohen Bunkerkosten. Technisch sind diese mehrheitlich in Australien (führende Werften: Incat, derzeit in Folge ausbleibender Neubau-Interessenten "in schwerer See", und Austal Ships) vom Stapel gelaufenen Einheiten durchaus faszinierend; ich bin aber schon angenehmer gereist, als auf einem voll besetzten Hochseekatamaran.

So bleibt noch die Frage nach den "Butterdampfern" und ihren Reedereien. Letztere scheinen nun oft, allerdings meist mit weniger Einheiten, verstärkt klassische Ausflugsfahrten anzubieten. Über den Verbleib der einzelnen Schiffe kann ich derzeit wenig sagen; die Harlekin I habe ich im Frühherbst 2001 starr und stumm in Wilhelmshaven liegen sehen - kein sehr erfreulicher Anblick. Vielleicht können die Besucher dieser Homepage eine kurze Nachricht hinterlassen, falls ihnen einmal eines der Butterschiffe "begegnet"?

MS Harlekin I als Auflieger in Whv

                                                                                                                                  Foto: Manfred Heinken

MS HARLEKIN I liegt hier im September 2002 in Wilhelmshaven.

zu diesem Zeitpunkt ist das Schiff registriert für

Warrings Harle Reederei GmbH & Co.KG, Carolinensiel, D. IMO 5364073

 

2004. Verkauft an Smedegaarden, Esbjerg, Dänemark

27. April 2004, Einlaufen Esbjerg

Mai 2004 verkauft nach Beirut, Libanon. (Registriert auf den Komoren, Heimathafen Moroni)

Neuer Name: BLUE DAWN.

2. Juni 2004 Auslaufen Esbjerg nach Beirut.

11. Dezember 2006 ist die BLUE DAWN in St. Vincent und Grenadienen registriert. Zur Yacht umgebaut, liegt jetzt als Charteryacht in Monaco. Eigner: FIRST HERITAGE MARINE LTD, St. Vincent und Grenadiens.

 

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