Weltmeisterschaft im Schiffsmodellbau der Klasse C

Alle Fotos: Ch. Biedekarken

 

 Acht Tage lang, vom 13. bis 20.Juli 2002, fand in Laatzen vor den Toren Hannovers die XI Weltmeisterschaft im Schiffsmodellbau der Klasse C statt. Unweit des EXPO-Geländes wehte der olympische Geist durch die Trabantenstadt. Einem kleinen, sehr rührigen Verein, nämlich dem der "Hannover Misburgischen Schiffsmodellbauer", war es gelungen, die Weltmeisterschaft der Standmodelle (Sektion C) in die Region Hannover zu holen.

In verschiedenen Bauklassen ("C 1" bis "C 6" mit Untergruppen) wurden die Modellschiffe nach Bauart, Maßgenauigkeit, Detailtreue, Qualität der Arbeit, Maßstabsgerechtigkeit und Übereinstimmung mit den mitgelieferten Bauplänen sowie nach dem Gesamteindruck beurteilt; die Schwimmfähigkeit ist grundsätzlich kein Kriterium der Bewertung. Dies schließt den Einsatz unterschiedlicher Materialien wie Kunststoff, Papier und Gießmetall nicht aus – was zur Folge hatte, daß neben den Holzmodellen auch wunderschöne Kunstwerke aus eben diesen drei Werkstoffen zu bewundern waren.

180 Teilnehmer aus 16 Ländern mit 253 Modellen hatten sich schon in ihren Heimatländern für diese Weltmeisterschaft qualifiziert. Die Eröffnung begann mit dem Einzug der Nationen, wobei es zur Tradition gehört, dass die Teilnehmer den olympischen Eid schwören. 15 bis 20 000 Besucher verzeichneten die letzten Wettbewerbe, die im Jahr 2000 im belgischen Mons und 1998 im polnischen Gdansk stattfanden, der Heimat von Jerzy Litwin, dem Vize-Präsidenten des Weltdachverbandes "Naviga", der dort als Direktor des Schiffahrtsmuseums tätig ist. Mit 31 Teilnehmern war Polen in Laatzen am stärksten vertreten, gefolgt von Deutschland mit 24 und China mit 20 Teilnehmern. Selbst aus Usbekistan kamen sieben Meister ihres Faches.

Zu bewundern waren die Meisterwerke der Modellbaukunst im Leine-Center in Laatzen, einem Einkaufszentrum. In mehreren tischähnlichen Vitrinen, die ab einer Höhe von ca. zwei Metern nach oben offen waren, standen die Nachbildungen von Kriegs- und Handelschiffen, Schleppern, Fischereifahrzeugen usw. -  nach den einzelnen Bewertungsklassen geordnet. Die Vitrinen waren über beide Etagen des Hauses verteilt. Den 15 Mitgliedern der internationalen Jury konnte man bei ihrer Arbeit über die Schulter sehen, mußte sich allerdings jeden Kommentars enthalten.

Die persönliche Begutachtung der Modelle lag – selbstverständlich – im eigenen Ermessen und wird vielleicht nicht immer mit dem Ergebnis der Jury übereingestimmt haben. Man gewinnt jedoch generell den Eindruck, dass in Sachen Genauigkeit, Detailtreue und Einfallsreichtum kaum noch etwas "unmöglich" ist. Dies gilt gleichermaßen für die kleinen Maßstäbe (1:1250, 1:1000, 1:700) wie für die großen. Erstaunt haben mich besonders die Dioramen von Frank Halbe. Er hat seine graue japanische Flotte im Maßstab 1:700 mit Offizieren und Mannschaften bestückt. Die Figuren sind meines Erachtens aus Metall gegossen worden. In unterschiedlicher Haltung tummeln sie sich nun auf sämtlichen Decks, dem Klima im Pazifik angepasst natürlich in Weiß. Müßig zu erwähnen, dass an den Schiffsmodellen selbst alles Darstellbare auch tatsächlich dargestellt ist. Hinter vorgehaltener Hand konnte ich allerdings auch Kritik vernehmen. Die Soldaten seien wohl für die Schotten (Türen) ein wenig zu groß geraten. Ob das wichtige Punkte gekostet hat und Frank Halbe eventuell deshalb eine Goldmedaille versagt blieb, entzieht sich meiner Kenntnis. Immerhin honorierte die Jury seine Arbeiten dreifach mit "Silber".

In den letzten Jahren entdeckte man die Modellbaubögen aus Papier wieder. Nach dem Krieg gab es die "Wilhelmshavener Modellbaubögen", und ich kann mich gut an eine reichhaltige Auswahl erinnern. Für Kinderhände stellten sie schon eine recht hohe "bastlerische Hürde" dar. Seit nunmehr zwei Jahren sind Papierschiffe zur Weltmeisterschaft zugelassen. Die Chinesen mit ihrer Tradition in der künstlerischen Gestaltung von Papier profilieren sich hier sehr stark. Leider hatte Peter Weiss – in der Region Hannover zu Hause – seine Papiermodelle nicht zur Qualifizierung angemeldet. Seine Arbeiten, die das gesamte Spektrum des Schiffbaus abdecken, hätten aber auch außerhalb der Wertung in einer Sondervitrine zur Bereicherung der Schau beigetragen.

Etwas unverständlich ist, dass der ausrichtende Verein sich nicht selbst mit Schiffsmodellen dargestellt hat. Einige Besucher hätten dann vielleicht eher Mut gefaßt, sich im Modellbau zu versuchen. Denn in sämtlichen Wettkampf-Kategorien sah man wirklich nur "unerreichbar" Weltmeisterliches. Von der Einlegearbeit über die geschnitzten Verzierungen der Achtergalerien und des Hecks, über Masten, Rahen, Blöcke, über stehendes und laufendes Gut und die Segel bis zur Bewaffnung gab es wirklich nichts, was an den ausgestellten Segel-Kriegsschiffen nicht "mikroskopisch" genau wiedergegeben war. Gleiches galt für die moderneren Schiffe. Niete, Kabel, Rohre – die Darstellung jedes sich bietenden größeren Details ist inzwischen schon Standard. Mit der Wiedergabe von Kabelschellen oder des Griffs eines seewassergeschützten Schalters erreicht man eben das Niveau einer Weltmeisterschaft.

Was ich gesehen habe, war Modellbaukunst in höchster Vollendung. Eine Meßlatte für den "normalen" Hobby-Modellbauer kann und sollte das nicht sein. Die meisten der dort ausgestellten Modelle sind nicht in Monaten, sondern in Jahren entstanden. Intensives Studium von Plänen ging dem voraus: Schon bevor man mit dem Bau beginnt, kennt man folglich das Schiff "wie seine Westentasche". Geschick, Ausdauer, Zeit und eine gehörige Portion an Selbstvertrauen sind die Voraussetzungen, um sich an ein solches Unternehmen heran zutrauen. So sind es nur ganz wenige Männer und Frauen auf der Welt, die ihr Wissen und Können in den Bau solcher Modelle investieren.

Das Modellbauhobby lebt aber insbesondere von den zahllosen Modellbauern auf der Welt, die abends in Küche oder Keller ihrem Hobby nachgehen, ohne Nieten zu zählen und die die Maße eines Schiffes nicht nach tausendstel Millimetern messen. Dies darf nicht vergessen werden. Und dennoch: Voller Bewunderung habe ich in Laatzen vor den Exponaten gestanden. Wer hier eine Medaille erhielt, ist ein Meister (oder bisweilen eine Meisterin) seiner Kunst. Manches Museum würde sich glücklich schätzen, in den Besitz dieser Kunstwerke zu gelangen. Vielleicht wird man das eine oder andere Modell eines Tages tatsächlich in entsprechenden Sammlungen wieder finden. Sie hätten es verdient.

Christian Biedekarken

Die letzten vier Detailaufnahmen zeigen die DIBRAR, ein Brandbekämpfungs- und Rettungsschiff im M1 :75, gebaut von Schavkat Ismatillaev / Usbekistan. Das Modell gehört zur Wettkampf-Kategorie C2 und erhielt eine Goldmedaille.

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