Seemannsgottesdienst in Windheim

Jens Rösemann

In dem Dreieck Minden - Stadthagen - Nienburg sind seit langem die Heringsfänger beheimatet. Zur Saison, die im Mai begann und im Dezember endete, zogen die Männer zuerst nach Holland zum Grasmähen und später zum Heringsfang. Nach Gründung der deutschen Heringsfischereien im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts fanden sie auf den deutschen Heringsloggern aus Emden, Leer, Vegesack, Glückstadt, Nordenham, Elsfleth, Brake, Wesermünde und Altona ihre Arbeit. Da jeder Kapitän sich seine Besatzung in der Winterpause selbst zusammenstellte, konnte es geschehen, dass zum Teil ganze Loggerbesatzungen auf einem Schiff aus dem gleichen Dorf stammten. Der Fischfang auf den alten Segelloggern war hart und gefährlich. Ging, was nicht selten geschah, ein Logger auf See verloren, kam es dann dazu, dass der Großteil der Männer eines Dorfes nicht mehr zurückkehrte.

So wurde es Brauch, dass vor Ausfahrt der Männer Bittgottesdienste abgehalten wurden, an denen natürlich die ganze Gemeinde Anteil nahm. Ebenso bildeten sich seit mehr als hundert Jahren örtliche Seemannsvereine. Zur Blüte der Treibnetzfischerei gab es siebzehn Vereine, deren Veranstaltungen naturgemäß das gesellschaftliche Leben prägten. Heute existieren davon nach Zusammenschlüssen noch neun. Diese organisieren sich in einer Art Gesamtverband. Bei dessen Jahreshauptversammlungen werden die einzelnen Aktivitäten der Vereine untereinander abgestimmt, damit es nicht zu Terminüberschneidungen kommt.

Auch heute noch werden traditionell von den Vereinen und den Kirchen Seemannsgottesdienste organisiert. Der diesjährige fand in Windheim statt. Von Vegesack aus war auf Einladung des gastgebenden Vereins und seines Vorsitzenden, Friedhelm Weßling, eine Gruppe von 34 Vereinsmitgliedern und Gästen per Bus angereist.

Man mag bei derlei Veranstaltungen an Vereinsmeierei denken. Hier wurde man eines Besseren belehrt. Wer sollte nicht bei der überwältigenden Resonanz der Öffentlichkeit, die zu einer gefüllten Kirche führte, beim traditionellen Einmarsch der uralten Fahnen, bei der seefahrtsbezogenen Predigt des Pfarrers, den Darbietungen des Posaunenchors und des sehr bemerkenswerten Lahder Shanty-Chors, der die passenden Lieder nicht mit der sonstigen Lautstärke derlei Chöre, sondern mit einer subtilen, ,ja künstlerischen,  Eleganz vortrug, nicht an die Schicksale der verlorenen Schiffe und der über fünfhundert Fischerleute gedenken, die von ihren Fahrten nicht zrückkehrten?

Im Anschluss gab es im vollbesetzten Curio-Haus eine Bewirtung mit Erbsensuppe und Getränken. Hier natürlich die launigen Reden der üblichen Prominenz in erfreulicher Kürze und wieder die Darbietungen des Shanty-Chores, diesmal mit anderen Themen, aber auch wieder nicht mit der sonst manchmal nervenden Lautstärke. Die Stimmung im Saal vermittelte Gemeinschaft. Etwas, was wir heute so oft vermissen.

Der Organisator der Vegesacker Reise, fühlte sich berufen, am Ende der Veranstaltung spontan seinen Dank auszusprechen und nahm dabei eine ihm eigene Weitschweifigkeit in Kauf, die zum Glück von der Gemeinschaft akzeptiert wurde. Hier aus der Erinnerung der wörtliche Text:

"Liebe Freunde, lieber Friedhelm, ich möchte mich bedanken für den schönen Tag, den Ihr uns bereitet habt. Weil ich selbst von 1945 bis 1950 auf einem Logger, immer bei dem gleichen Kapitän, gefahren habe, darf ich mich wohl zu Wort melden. Und gleich am Anfang muss ich eine kleine Enttäuschung melden: Immer wenn ich zu Euch komme, stelle ich fest, dass Ihr untereinander Euer schönes Platt köhrt, so heet da ja woll bi jau. Un wenn dat an’t Offizielle geiht, denn geit dat los mit Geelsnacken. Worüm nich up Platt? Denn ers föhl ik mi so recht to Huus. Mien Platt kummt von mehrere Sieten. Miene ersten fief Joahr heff ik in een lütt Dörp in de Wingst leeft. Doar snackten wi Kinner Platt. Denn keemen wi in de Stadt. Eers mit foftein Joahr, as ik no den Weltkrieg as Afhauer op den Logger "Saarland" anfüng, geef dat wedder Platt. Dittmol dat van de Middelweser. Loter denn ok van Ostfreesland, Ostpreußen und all de Gegenden, woher die Seelüüd to de Hochseefischeree keemen. Un so is ok mien Platt worrn.

Obers nu mien Dank. Eers mol an den Paster mit sein scheune Predigt. Denn de Posaunenchor und gans besünners an den Lahder Shanty-Chor. Un denn Dank für de scheue Arftensupp, de de Lüd uut Wasserstraße mokt hefft. Un to de Arften mutt ik noch een lütt Geschicht vertelln:

As Jung inn’n Krieg weer ik in de Ferien bi Frünn’n von mien Ollern in een lütt Moordörp. Onkel Ludwig weer doar Schoolmester, Köster un Organist. De Schoolstä weer een von de ganz gooden. Mit groot Strohdackhuus, Schüün, Acker, Weiden, Heunerhoff und Moorland toon Törfsteeken. Onkel Ludwig weer ok Imkermeister un harr so bi tweehunndert Völker. Doar müssen wi Kinner orrnlich mit ran an’t Arbeiden. Törfupringeln, Arbeid in Goarn un sowat alles. Wenn’t orrnlich warrm Wedder weer, mussen wi in’t Moor, op de Heid un annerwergens achter de Immen her, de mit den nee’n Wieser wegfleegen wulln un se wedder infangen. Doar geef dat orrnlich Hunger, wat good is för den Appetit. Een Arbeid, de egentlich licht weer, harr ik ok to doon. Dat weer dat Lüden von de Beetklock obends um Klocke säben. Wat harr ik doar jümmer Angst, dat ik de Tied verpassen dä! Säben Klockschläg mit grooden Afstand und twee .lütje achterher muss ik moken. Ober nu hang Du doar mol rüm inn’n Karktoorn, wo ans nix los is. Muss jümmers Angst hebben, dat Du Di vertellst. Un doar weern tomindst tein oole Froonslüe in’t Dörp, de den Köster ann’n nächsten Sündag vertelln dähn, dat de verflixte Jung de Beetklock nich richtig lüd hett! Toletzt harr ik ober een Middel funn’n, dat dat Telln nich döreenanner keem. An de witte Wand von den Karktoorn stunn een lütt Bibelspruch: "Gesegnet sind die Friedfertigen, denn sie werden Gott schauen!" Dat weern jüst säben lüttje Reegen. So hool ik mi denn no jeden Klockenslag bi een Reeg fast un opletzt keemen de beiden Korten "Ping-Ping" achteran.

In’t Huus harr Tante Lenchen dat Seggen. Mit dissen Diminutiv is obers nich vermookt, dat se een Lichtgewicht weer. Nee, se harr goode tweehunnert Pund und een Hart van Gold. Un se mook een fein Eeten. Wenn wi Kinner van Arbeid und Speel an de Burg keemen, freien wi uns jümmers op dat Eeten. Faken geef dat "Dicke Arften". Doar heff ik mi rinsett, kunn goarnich nooch van kriegen. Achter dat Eeten vertell Tante Lenchen denn jümmers de Geschicht van "Dicke Arften":

Eenes gooden Doogs funnen se bi dat lütt Moordörp een Schooster, de sik verloopen harr. He weer van Dost und Hunger so matt, dat he dach, sein letsde Stünn weer komen. Dat dachen ok de Lüd van’t Dörp, de em in een Huus brocht harrn. As se em frogen dähn, wat se vör em doon kunnen, seg he, he wull vöör’t Starben noch mol dicke Arften eeten. Dat pass god. Een van de Fronslüe harr jüst een grooten Pott doarvan to Füüer. He kreeg soveel as’t man güng. Und duer nich lang, doar weer de goode Schooster wedder kregel. De Dörpslüüd wunnerwarkten un de Smid stell op den Grönland vör den Karkhoff een Steen op mit de Inschrift: "Dicke Arften helpt vör Starben, Dood un Graff". Alltohopen freien se sik und dankden Gott, dat eehre dicken Arften so een Wunner dän.

Duer nich lang, doar funnen se een kranken Snieder, de sick ook verloopen harr un nich mehr wieder kunn. Se brochten em in een Huus. De Snieder seeg he wull nu starben un frog na den Paster. Ober de Dörpslüe wussen dat beter und geeven em dicke Arften. Die Snieder wull eers nich, ober se prampten em dat rin. Doar bleef de arme Siender dood. So geeven de eehrlichen Minschen em een christlich Begräffnis.

As se achterno an den Steeen op de Allmende vörbi kämen, wulln si den Steen weg moken. Ober de Smid sä, se schulln em stohn loten. He mok sik alleen an de Arbeid. Annern Sündag achter de Kark keemen se denn to den Smid, de den Steen mit een Dook affdeckt harr. Un as he dat Dook rünner nehm, kunnen se doar lesen:

Dicke Arften helpt vör Starben, Dood und Graf

Obers bloß bi Schoosters, een Snieder kann’t nich aff

 

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