90 Minuten Hoffen und Bangen, den Tod vor Augen

 Christian Biedekarken

Am 23. Dezember 1952 kündigt sich mit der Seenotmeldung des deutschen Fischdampfers N.EBELING ein weiteres Drama westlich von Island auf der Höhe des Breidifjords an. Bei schwerem Nordoststurm meldet sich um 07.24 Uhr MEZ Fischdampfer N. EBELING, der gleichnamigen Bremerhavener Reederei, auf der Seenotwelle. Eine Stunde später wird der letzte Funkspruch der N.EBELING gehört. Es wird gemeldet, dass der Zustand des Schiffes bedenklich sei, die Lichtmaschine sei kurz vor dem Ausfall und im Heizraum stehe das Wasser vor den Feuern.

Zum Untergangs des FD N.EBELING im Winter 1952 vor Island, ein Auszug aus dem Buch "Rotbarsch & Co" von Jens Rösemann, erschienen in Koehlers Verlagsgesellschaft mbH, Hamburg

"Als sie nur noch zwei Tage zum Fischplatz zu dampfen hatten, bekamen die wachgehenden Matrosen (des FD TEUTONIA Anm. des Verf.) ein besonderes Drama hautnah mit. An der Nordwestküste Islands herrschte Orkan. Die N.EBELING meldete Seeschaden. Offenbar war durch Seeschlag der Stutzen der Vakuumanlage zum Aschehieven abgerissen. Der Kapitän meldete über Radiotelephonie, die über den Lautsprecher auf der Brücke mitgehört werden konnte, daß die Versuche, dieses Leck notdürftig abzudecken, fehlgeschlagen waren. Nun schoß das Seewasser in dickem Strahl in den Heizraum. Dort kämpfte die Besatzung, um die Saugköpfe der Lenzleitungen von Asche und Kohlegrus frei zu bekommen. Jede Verschlechterung der Lage berichtete der Kapitän mit tonloser Stimme. Jeder wußte, daß es für die Besatzung keine Rettung gab, wenn sie das Eindringen des Wassers nicht stoppen und die Pumpleitungen nicht freihalten könnten. Zusammen mit der Meldung, daß das Wasser nun die Feuer erreicht habe, brach der Funkkontakt ab.

Im Vorschiff der TEUTONIA saßen alle wachfreien Matrosen und Heizer wortlos beieinander. Seitdem der Schaden der N.EBELING vor zwei Stunden bekannt geworden war, hatten sie sich dort aufgehalten und auf Neuigkeiten von der Wache gewartet. Einige der Leute hatten Freunde und Bekannte dort. Aber auch alle anderen hofften auf Rettung für die Kollegen, die es aller Wahrscheinlichkeit nicht geben konnte. Die letzte Meldung bedrückte sie alle sehr. Sie saßen jetzt hier im warmen, trockenen Logis, während ihre Kameraden dort im Norden einsam im kalten Wasser den kurzen Kampf mit dem Seemannstod kämpften. Es war wie ein Bann, von dem sie erst im Laufe der nächsten Tage nach und nach erlöst wurden".

Über 20 Schiffe beteiligen sich an der sofort eingeleiteten Suche, darunter 10 deutsche Fischdampfer, die sich zu der Zeit in dortigen Gewässern befinden. Auch Flugzeuge sind trotz des schlechten Wetters gestartet. Auf den Schiffen der "Nordsee", Deutsche Hochseefischerei AG, die sich im Unfallgebiet befinden, stellt man nach der Seenotmeldung die Funkorganisation für die Einleitung der Hilfsmaßnahmen zur Verfügung. Ein isländischer Reeder übernimmt die Leitung des Einsatzes und schifft sich, von Patreksfjord aus, auf dem Cuxhavener Fischdampfer "FINKENWERDER" ein. Auf dem FD "WESER" kann man den Havaristen zeitweilig auf dem Radarschirm beobachten, muß dann aber den Ausfall des Echos feststellen. Um 08.50 Uhr meldet der FD "SAARLAND", daß die Verbindung zur N.EBELING abgebrochen sei. Die auf der zuletzt angegebenen Position des FD N.EBELING suchenden Schiffe, darunter auch zwei Fischdampfer der gleichen Reederei, finden nur einige Netzkugeln. Damit wird zur schrecklichen Gewissheit, dass FD N.EBELING in der Vormittagsstunden des 23. Dezember 1952 bei schwerem Sturm mit 20 Mann Besatzung in den eisigen Fluten unter Islands Küste gesunken ist. Die Suche nach etwaigen Überlebenden blieb erfolglos. Am 18. Dezember war der Zweite Steuermann der N.EBELING bei schwerem Sturm über Bord gegangen und sofort abgetrieben.

Ein weiterer Auszug aus dem Buch "Rotbarsch & Co" von Jens Rösemann:

"Bevor die TEUTONIA auf Heimreise gehen konnte, hatte sie eine traurige Pflicht zu erfüllen. Ein Fischdampfer hatte mit seinem Netz die Leiche eines der unglücklichen Besatzungsmitglieder des untergegangenen Fischdampfers N.EBELING aufgefischt. Der Zinksarg mit den sterblichen Überresten stand im Hafen des Patrekfjords zur Überführung nach Bremerhaven bereit.

Der starke Wind, der dem Sturm gefolgt war, hatte sich ganz gelegt, als die TEUTONIA in der nun nebligen Polarnacht am nordwestlichen Ausleger Islands einlief. In gespenstischer Ruhe näherte sich der Dampfer lautlos der Pier. Die wenigen Lampen dort waren in wattigen Nebel gehüllt und hatten einen kreisrunden Lichtschein um sich herum, der sich gegen die dunstige Umgebung schwach abhob. Die Ruhe der langsamen Annäherung an die Pier wurde nur durch das gelegentliche Klingeln des Maschinentelegraphen, das sich schnell in dieser Umgebung verlor, unterbrochen. Das Festmachen geschah in völliger Stille.

Aus dem diffusen Dämmerlicht bewegte sich eine stumme Prozession auf das Schiff zu. Da in dieser Gegend Islands alle Menschen mit der Fischerei zu tun hatten, war anzunehmen, daß Fischer den Sarg trugen. Sie taten das mit einer gemessenen Würde, die sie ihrem fremden Fischerkollegen schuldig zu sein fühlten. Die Männer von der TEUTONIA nahmen umständlich ihre Mützen ab. Lautlos übernahmen sie den Sarg von ihren isländischen Kollegen, die sich alsbald wieder vom Schiff entfernten und langsam im matten Dunst an der kleinen Pier entschwanden. Das Ganze wirkte wie eine spontane Andacht in höchster Vollendung ohne Zuschauer und ohne eine Spur von Inszenierung.

So lautlos. wie die TEUTONIA gekommen war, verschwand sie wieder von diesem so unwirklich erscheinenden Ort der Handlung. Nils mußte an das Gedicht vom letzten Gotenkönig denken. In seinen Gedanken wiederholten sich immer wieder die Worte der Zeile: "Denn sie trugen einen Toten".

Den Seemannstod starben am:

18. Dezember 1952

 II. Steuermann Werner Stürken

 

23. Dezember 1952

Kapitän Fritz Hassebrauck; I. Steuermann Hans Voss; I. Maschinist Franz Wiech; II. Maschinist Rino Hase; Heizer Alwin Angerstein; Heizer Gerhard Bohlen; Heizer Hinrich Suhling; Koch Fritz Wolff; Kochsjunge Herbert Valentin; Netzmacher Karl Butschkadoff; Matrose Hinrich Freemann; Matrose Egon Quapp; Matrose Rudof Schalow; Matrose Hinrich Tietje; Matrose Georg Arends; Matrose Heinrich Mahler, Matrose Konrad Klemm; Matrose Johannes Meyer; Leichtmatrose Siegfried Möhrke.

 

  

                                                                                                Aus der Festschrift "N. Ebeling * Hochseefischerei* 1905 / 1955

 Todesanzeige der Reederei N. Ebeling zum Untergang des FD. N. EBELING

westlich von Island, am 23. Dezember 1952 

 

 

FD N.EBELING   Fischereinummer: BX 259, PG 581, BX 365
Schiffstyp: Fischdampfer BRT: 488  NRT: 184  PS: 750  Lü.a.: 50,48 m Breite: 8,36 m 

1937

Howaldtswerke AG, Hamburg  Bau Nr. 766

17.Juli 1937

Stapellauf

10.August 1937

Probefahrt

14.August 1937

N. Ebeling KG, Bremerhaven 
 1939 Kriegsmarine V-901,  V-907,  V-908
13.August 1945 Rückgabe
18.Januar 1946 In Fahrt N. Ebeling KG, Bremerhaven
1.Januar 1948 Heimathafen Bremerhaven
23.Dezember 1953 Vor Island gesunken
 

Die Daten sind dem Buch "Die Deutsche Handelsmarine 1870-1979" von H.J. Abert entnommen

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