Dieser Artikel ist in einer leicht abweichenden Fassung in der Zeitschrift "Niedersachsen", Heft 4/1999, S. 20-21" erschienen.

Die Veröffentlichung hier geschieht mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.

Alle Fotos: Martin Stöber

 

An der Leine über die Weser

Fährführer in Polle - eine Familientradition in der fünften Generation

Von Martin Stöber

 

Am Fuß der malerischen Burgruine von Polle verläßt sich im Jahre 1999 ein kundiger Fährmann auf die Kraft des Weserstromes, um seine Fahrgäste sicher über den Fluß zu geleiten. Wer meint, daß solche Geschichten, zumal in unmittelbarer Nähe Bodenwerders angesiedelt, nur der Phantasie der Erben des alten Münchhausen entsprungen sein können, der irrt ...

Nach etwa zwei Minuten ist alles vorüber. Die "Fähre Polle" hat das gegenüberliegende Ufer der Weser erreicht; Friedrich-Wilhelm Winter nimmt Fahrt aus seinem eigentümlichen Gefährt, indem er die stählerne Laderampe auf die gepflasterte Zufahrtsstraße herabläßt, die einer schiefen Ebene gleich in das Wasser führt. Geräuschvoll, aber erstaunlich sanft wird das Schiff abgebremst. Diese unkonventionelle Form der Vollbremsung hat einen einfachen Grund: die Fähre besitzt keinen Antriebsmotor.

Mit der unerschöpflichen Kraft der Strömung

Für den Vortrieb nutzt man höchst umweltfreundlich die Kraft des Flusses. Das Fährschiff ist mit vier Trossen und über Rollen - vergleichbar einer Seilbahn - an zwei weserüberspannenden Stahlseilen befestigt. Um Fahrt aufzunehmen, strafft der Fährführer mit Hilfe einer Winde die in der jeweiligen Fahrtrichtung vorne angebrachte Trosse, welche mit dem stromaufwärts gespannten "Gierseil" verbunden ist. Dadurch stellt sich die Fähre im Winkel von etwa 30 bis 40 Grad schräg zum angestrebten Kurs und wird dann, wie ein Segler am Wind, durch die Wasserströmung angetrieben.

Die Geschwindigkeit hängt dabei von der Schrägstellung ab. Kurz vor dem Erreichen des gegenüberliegenden Ufers wird daher die Trosse entspannt, die Fähre dadurch langsamer, und schließlich legt man mit Hilfe der Rampe an. Das zweite sogenannte Unterstromseil sichert die "Fähre Polle" gegen Windböen sowie Wirbel und Wasserwalzen, die einen Fluß in Ufernähe durchaus aufwärts fließen lassen können. Zudem erlaubt es eine höhere Geschwindigkeit - sonst wäre man sage und schreibe vier Minuten unterwegs.

"Getankt" wird nur an einer Steckdose am Poller Ufer, um die Akkumulatoren der Elektromotoren der Winden zu versorgen, die ihrerseits zum Spannen der Verbindungstrossen dienen. Auch sonst ist hier einiges anders, als bei der christlichen See- und Flußfahrt allgemein üblich. Zum Beispiel darf die Fähre ihre maximale Tragfähigkeit von über 40 Tonnen nur bei niedrigem Wasserstand ausnutzen. Nicht der Tiefgang begrenzt nämlich die Zuladung, sondern die Wasserströmung. Ist diese bei Hochwasser stark, werden auch die Gierseile in besonderem Maße belastet und beim Beladen muß entsprechend vorsichtig kalkuliert werden.

Möglich ist dies alles nur, weil auf der gesamten Strecke der Oberweser zwischen Münden und Hameln keine Staustufen angelegt wurden. Dadurch blieb die Fließgeschwindigkeit des Wassers hoch genug, um Schiffe mit sanfter Naturgewalt an das gegenüberliegende Ufer zu drücken. Das Steuern einer Gierseilfähre verlangt also viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit Technik und Natur. So mußte auch Friedrich-Wilhelm Winter zunächst drei Jahre in die Lehre gehen, abschließend ein Patent als Schiffsführer erwerben, um als Fährmann in Polle arbeiten zu dürfen. Der Familientradition gemäß hat er bei seinem Großvater gelernt; inzwischen sind die Winters in der fünften Generation Fährleute in Polle. Die Freiheit, sein eigener Herr zu sein, und der Umgang mit Menschen sind es - so Friedrich-Wilhelm Winter -, die er an seinem Beruf so liebe. Diese Zuneigung gerät höchstens in der dunklen Jahreszeit ins Wanken. Bei Wind, Schnee und Eis und bei geringem Verkehrsaufkommen wird es dann eher ungemütlich und bisweilen langweilig an Bord der "Fähre Polle". Doch gar so schlimm kann das alles nicht sein, denn er ist, obgleich Altenteiler, mit seinen 66 Jahren noch heute häufig an Bord, um seinen Sohn zu unterstützen.

Ein preiswertes Vergnügen

Feste Abfahrtszeiten gibt es nicht. Die Fähre pendelt - etwa zwischen 06.00 und 19.00, Sommers auch bis 20.00 Uhr - ganz nach Bedarf und somit insbesondere in der Ferienzeit ohne Pausen. Nur der gewerblichen Weserschiffahrt, die die Fährstelle in "Tal-" oder in "Bergfahrt" passiert, muß Vorfahrt gewährt werden. Das Vergnügen, während der Überfahrt dem Gurgeln des Weserwassers zu lauschen oder ein paar freundliche Worte mit dem Fährführer zu wechseln, ist erschwinglich. Nur 50 Pfennige zahlt der Einzelreisende für die Überfahrt, ein Wohnmobil mit fünf Insassen kostet fünf Mark, ein LKW mit über elf Tonnen Gewicht zum Beispiel acht Mark. Die zahlreichen Stammkunden verfügen indessen über Zeitkarten und werden mit Namen freundlich an Bord begrüßt. Bei Nacht, Treibeis und Hochwasser erlaubt der ministeriell genehmigte Fährtarif sogar eine Verdoppelung der Preise - was Friedrich-Wilhelm Winter zum Schmunzeln veranlaßt. Ja, das sei erlaubt, aber bei Eisgang und starkem Hochwasser könne sowieso nicht übergesetzt werden.

Trotz der moderaten Preise ist er überzeugt, daß diese Fähre auch weiterhin seine gesamte Familie ernähren wird. Zwar querten Mitte der fünfziger Jahre noch über 25 Schiffe die Oberweser zwischen Münden und Hameln, von denen bis in die Gegenwart nur etwa zehn überlebt haben. Es darf darüber hinaus bezweifelt werden, ob dieser Schrumpfungsprozeß abgeschlossen ist; denn zwei davon - die von Kommunen betriebenen in Grohnde und in Hajen - sind nach Friedrich-Wilhelm Winters Meinung in ihrer Existenz derzeit am ehesten bedroht. Für sein eigenes Unternehmen gilt das aber nicht.

Flußaufwärts wie flußabwärts sind es über zehn Straßen-Kilometer bis zur nächsten Brücke; und beidseits der Weser verlaufen im Raum Polle / Bevern Bundesstraßen. Die B 83 führt unmittelbar am linken Ufer entlang; und für alle, die aus der Region kommend nach Osten zur B 64 gelangen möchten, bietet sich die Flußquerung bei Polle als Abkürzung an. Außerdem gehören Touristen aus dem nahen Nordrhein-Westfalen zu den gern begrüßten Fahrgästen. Die Fährverbindung profitiert von ihrer verkehrsgeographisch relativ günstigen Lage, die andererseits nicht so gut ist, daß hier der Bau einer Weserbrücke zu befürchten wäre. So dürfte die Investition von weit über 600.000 DM in das bislang vierte Fährschiff in der Geschichte des Familienbetriebes, das 1988 bei der traditionsreichen, doch in jüngerer Vergangenheit krisengeschüttelten Arminiuswerft im benachbarten Bodenwerder vom Stapel lief, noch viele Jahre Früchte tragen. Hinsichtlich der laufenden Kosten kommt den Winters entgegen, daß man ohne Brennstoff auskommt und die "Fähre Polle" nur alle drei Jahre für wenige Wochen zur Überholung in die Werft muß.

Traditionelle Technik ganz zeitgemäß

Der Beruf des Fährmanns, das bestätigt auch Friedrich-Wilhelm Winter nicht ohne Stolz, zählt zu den ältesten Gewerben. Flüsse waren wohl die ersten bedeutenden binnenländischen Verkehrswege der Menschheit, wurden zum Ansatzpunkt von Handelsorten und ermöglichten es somit, weithin Verbindungen zu knüpfen. Andererseits trennten sie aber auch die Landschaften beidseits ihrer Ufer. So entstand früh ein Bedarf, diese Trennung möglichst gefahrlos zu überwinden, mit Hilfe von natürlichen Furten, aufwendigen Brücken oder eben praktischen Fähren. Selbst von der kurzen Überquerung der Weser geht noch heute ein wenig Faszination aus, vielleicht, weil dieser Wechsel auf die andere, möglicherweise noch unbekannte Seite während der Fährüberfahrt viel bewußter wahrgenommen wird. Vielleicht beeindruckt aber auch die traditionelle Technik der Gierfähre, die aufgrund ihrer Umweltverträglichkeit längst wieder zeitgemäß ist.

Um 12.00 Uhr ist Zeit für die Ablösung. Friedrich-Wilhelm Winter geht von Bord, sein Sohn übernimmt die Bedienung der Winden und Schiffsladerampen. Unmittelbar an der Fährstelle am Fuß des steilen Burgberges liegt das alte Fährhaus. Das Land Niedersachsen hat das etwas trutzig wirkende Gebäude aus fast violettem Wesersandstein vor einigen Jahren veräußert, so daß der Fährführer nach Dienst seine Schritte nicht mehr hierhin lenkt. Das wäre wohl auch etwas zu romantisch.

 

   

 

Die Zufahrtsrampe am Fuß des alten Fährhauses

 

 

 

 

Die Poller Gierfähre

Zurück                         Seitenanfang