In der NORDSEEZEITUNG vom 29. September 1988 war folgender kleiner Artikel zu lesen:

Die Nacht, in der der Mond das Tanzen verlernte

Christian Biedekarken musterte im August 1956 als Leichtmatrose auf dem Trawler "Auguste Kämpf" an

"Inhaber ist angemustert als Leichtmatrose in großer Hochseefischerei auf unbestimmte Zeit." Dies war sie, die Eintragung in meinem Seefahrtbuch, auf die ich zielstrebig hingearbeitet hatte. Es war der 1. August 1956. Mein Schiff, die "Auguste Kämpf", lag am Ausrüstungskai. Den Seesack geschultert, ging ich mit festem Schritt an Bord. Statt der berühmten Decksplanken, die man betritt, stolperte ich über Kohlestücke. Der Trawler hatte gebunkert und sah entsprechend aus.

Eine Begrüßung gab es nicht. Plötzlich stand ein "Schwarzer" vor mir, der sich Schweiß und Kohlenstaub aus dem Gesicht wischte. Es durchzuckte mich: Maschine. Gab es denn keine Matrosen an Bord? Ich stand ihm im Weg und wurde ohne ein Wort zur Seite geschoben. Es wurde geschweißt, gehämmert, gerufen. Nur ich schien nicht zu existieren.

Dann schob sich mir ein blauweißkariertes Bein über das hohe Süll entgegen, dem dann der in Weiß gekleidete Oberkörper folgte - der Koch. Er wies mich in die Messe, dort sollte ich warten. Bald darauf wurde es wie auf Kommando still an Deck. Dann kamen endlich die Matrosen; fein in Schale, wenn auch der Schlips zur Seite hing und der aufrechte Gang hin und wieder durch ein leichtes Kippen nach backbord oder steuerbord beeinträchtigt wurde.

Nun ging alles sehr schnell. Frauen wurden verabschiedet, Gangway eingeholt. Es war eine leicht gereizte Stimmung an Bord. Ich spürte, daß jetzt keiner ansprechbar war. Als die Schleuse sich öffnete und dicker schwarzer Qualm den Schornstein verließ, wurde mir klar, daß ich mich in dieser kleinen Welt in den nächsten zwölf Tagen zurechtfinden mußte. Gern hätte ich noch an der Reling gestanden und meinen Gedanken freien Lauf gelassen, als sich mir eine Hand auf die Schulter legte und ich mit wenigen Worten unter die Back geführt wurde in einen kleinen Raum mit mehreren Kojen, einem Tisch und einem Ofen. Jetzt ging alles sehr schnell. Vorstellen, Koje zuteilen, Backskiste einräumen, Decke und Kissen beziehen, bis es dann hieß "Backschaft"

Das Abendbrot schmeckte herrlich. Ich wurde immer wieder aufgefordert, den Teller nachzufüllen und genoß alles in vollen Zügen. Ich sollte es bitter bereuen. Noch bevor wir das Weser-Feuerschiff passierten, hatte ich mein schönes Abendbrot den Fischen geopfert. Zwei Tage kam ich aus der Koje nicht mehr heraus, bis der Kapitän mich auf die Brücke orderte, die ich den dritten Tag nicht mehr verlassen durfte. Wenn es dann wieder würgte, sprach der Rudergänger von einem gewissen "grünen Ring" den ich wieder herunterschlucken müsse. Mein Zustand besserte sich stündlich, und Essen machte wieder Spaß.

Am Fangplatz sollte das Netz ausgesetzt werden - Seitenfänger. Ich durfte wegen der vielen Leinen und Drähte nicht an Deck, Unfallgefahr. Fühlte mich übergangen, hatte wohl eine schlechte Figur abgegeben. Wurde dann aber an das Ruder gestellt und sollte den vorgegebenen Kurs halten. Erläuterungen gab es keine. Mußte man eben können. Der Mond schien an Steuerbord voraus, und es hieß, daß er dort auch bleiben solle. Der Mond war für mich bis dahin nicht Gegenstand genauerer Betrachtung gewesen, doch soviel wußte ich, daß er nicht am Himmel hin und her saust. Eben noch an Backbord, war er nach Durchfahren von zwei Wellentälern jetzt an Steuerbord, um dann nach achtern zu verschwinden. Sofort wurde am Ruder gekurbelt, daß die Kettenglieder gegen die Verkleidung schlugen. Siehe da, der gute alte Mond erschien wieder in der Steuerbordnock, zog über die Back und verschwand an Backbordseite. Schweiß stand mir auf der Stirn und Verzweiflung im Gesicht. Ich ein Seemann - nie. Alle Träume schwanden dahin. Sollte das trostlose Landleben nun doch mein Schicksal werden.

Doch zwischen Untergangsstimmung und Mutlosigkeit hat Neptun den ostpreußischen Fischdampferkapitän gestellt. Er drehte das Ruder langsam nach Backbord. Der Mond kam zurück. Er half mir, Rudergänger in der Hochseefischerei zu werden.

 

Der erste Eintrag in meinem Seefahrtbuch

 

FD Auguste Kämpf   Trawler Kennung: BX 370
Schiffstyp: Fischdampfer BRT: 394 NRT: 142 PS: 630 Lü.a.: 48,32 m Breite: 8,04

1949

Rickmers Werft, Bremerhaven Bau Nr. 224

22.12.1948 

Stapellauf

31.3.1949 

Probefahrt

1956 - 1959

Hochseefischerei C. Kämpf, Bremerhaven

Januar 1961

wurde ein Verkauf nach Italien gemeldet, verwendung als Kümo nicht realisiert.

22.6.1962

an Eisen und Metall AG Bremerhaven
 Oktober 1962  abgebrochen
 

Die Daten sind dem Buch "Die Deutsche Handelsmarine 1870-1979" von H.J. Abert entnommen

 

Schiffsmessbrief

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