Vertane Chance ?

von Jens Rösemann

„Guten Morgen!“, so erschallte es von der Garageneinfahrt. Die Pforte dazu hatte Nils nicht weit entfernt aufgebockt und war dabei sie zu säubern und anzustreichen. Hausarbeit eines Seemanns im Urlaub. Nach kurzem Aufblicken, bei dem er einen ihm fremden jungen Mann erkannte, der an der Einfahrt stehen geblieben war, erwiderte er dessen Gruß. Es mußte wohl wenig einladend geklungen haben, denn beim zweiten Aufblicken war der junge Mann schon weitergegangen. Immerhin hatte Nils bemerkt, dass es sich wohl um einen Behinderten der nahen Anstalt gehandelt hatte.

Ganz unmerklich geriet Nils ins Grübeln. Es hatte doch den Anschein gehabt, als wolle der junge Mann sich mit ihm unterhalten. Oder wenigstens etwas mehr beachtet werden. Sein Verhalten gegenüber Behinderten war von Unsicherheit geprägt. Als Seemann war er wenig mit Behinderten konfrontiert. Geschah das dann trotzdem einmal, dann konnte er sich nicht entscheiden, wie er sich ihnen gegenüber verhalten sollte. Überzeugt davon, dass sie Beachtung verdient hätten, fehlte ihm die Unbefangenheit, sich ihnen zu stellen. Beachtung bedeutete eventuell Neugier, die Behinderten gegenüber ja wohl gänzlich fehl am Platze war. So lief es immer darauf hinaus, dass er sich verschloß, wie eben jetzt auch. Ganz richtig konnte das wohl nicht sein.

Die Begegnung mit diesem Behinderten ließ ihm keine Ruhe. Immer wieder tauchte das Bild in den nächsten Tagen und Wochen, ja sogar nach Jahren, wieder auf. Damit verbunden war das Nachdenken über pflichtgemäßes Handeln oder, ganz einfach, die Religiosität. Seine Unterweisung in Glaubensfragen hatte keine große Spuren in ihm hinterlassen. Wohl auch kein Wunder, da in seinen prägenden Jahren die Indoktrination des Nationalsozialismus parallel damit einhergegangen war. So war später seine Wahrnehmung für die Lehren für ein wertvollen Leben offen geblieben. Seine Überzeugung von der Existenz Gottes hatte er nicht aus der Bibel bezogen. Eher schon durch die gewaltigen Eindrücke, die die See in ihm hinterlassen hatte. Von den philosophischen Betrachtungen über Gott hatte ihm die besonders gefallen, die besagt, dass Gott in jedem Menschen ist. Das sollte wohl bedeuten, auf seine Stimme zu achten. Diese vermeinte er gelegentlich gehört zu haben. Ihr zu folgen war nicht immer einfach gewesen. War er einmal gegen diese Stimme den breiten Weg gegangen, so gehörte das nicht zu seinen angenehmen Erinnerungen.

So war es ihm dann eines Tages urplötzlich aufgegangen, dass damals Gott in Gestalt des jungen Behinderten vor seiner Einfahrt gestanden habe. In der Bibel, in Märchen und Sagen kam es ja immer wieder vor, dass Gott in Gestalt von Entrechteten und Elenden den Menschen sich gezeigt habe. Diese Vorstellung ließ ihn nicht mehr los. Wie in den Sagen und Märchen auch erging es nun Nils, der hoffte, dass sich Gott noch ein weiteres Mal sich ihm zeigen sollte. Aber die zweite Chance im Leben ist fast ausgeschlossen. Das erfüllte ihn jahrelang mit einer leisen Traurigkeit.

Nach mehr als vierzig Jahren erfüllte sich dieses Wunder doch, ohne dass es ihm selbst zunächst zu Bewußtsein kam. Sein Handeln aber entsprach dem, was Gott wohl von ihm gewollt hatte. Als dieses ihm sehr viel später bewußt wurde, fühlte er eine tiefe innere Dankbarkeit und Befriedigung.

 

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